Meinung

Ukrainer singen vor dem Reichstagsgebäude über die 'Endlösung der Russenfrage'

Das berühmte italienische Partisanenlied "Bella Ciao" wird oft genug als Partylied verballhornt. Nun wollen es auch die "patriotischen" Ukrainer zur Mobilisierung gegen die russischen "Angreifer" nutzen und plaudern dabei die Fantasien ukrainischer Nationalisten aus: Eine Welt, in der es keine Russen mehr gibt.
Ukrainer singen vor dem Reichstagsgebäude über die 'Endlösung der Russenfrage'Quelle: AFP © John Macdougal

von Wladislaw Sankin

"Bella Ciao" kann man mit Sicherheit als das berühmteste Partisanenlied bezeichnen. Der als Liebeslied getarnte Text mit mitreißender Melodie handelt vom Kampf italienischer Partisanen in der Bergprovinz Modena gegen namentlich nicht genannte faschistische Besatzer im Zweiten Weltkrieg. Damit wurde der Song zum weltweiten Symbol des antifaschistischen Widerstands.

Doch zu oft wurde das Lied in den letzten Jahren als bloßes Party- oder Liebeslied verballhornt, auch im Deutschen. Nun sind es die Ukrainer, die das italienische Original neu "interpretieren". So sang ein junges Mädchen, wohl noch im Schulalter, auf einer proukrainischen Kundgebung in Berlin den Refrain im Ukrainischen:

"Und unsere Leute, die Ukrainer,

haben die ganze Welt

gegen die 'Russniaken'

vereinigt.

Und bald schon wird es

Gar keine Russniaken geben,

Und dann wird Frieden

Sein auf der ganzen Welt."

Dem restlichen Text zufolge soll es infolge der gemeinsamen Anstrengungen der tapferen ukrainischen Kämpfer und des Westens gar keine "Russniaken" (die in der Ukraine übliche, äußerst abschätzige Bezeichnung für Russen) geben, wobei der Westen mit Waffenlieferungen, Sanktionen und freiwilligen Kämpfern helfe.

Die Kundgebung fand im Berliner Regierungsviertel unter dem Eindruck der Ereignisse in der Kleinstadt Butscha bei Kiew am 6. April statt, als nach Abzug der russischen Truppen Dutzende männliche Leichen hauptsächlich auf einer einzigen Straße entdeckt worden waren. Auch forderten die Protestteilnehmer ein Kriegstribunal gegen Wladimir Putin und ein vollständiges Embargo gegen russische Energielieferungen. Am Ende der Aktion legten sich die Demonstranten auf den Boden, wobei sie die Augen schlossen oder die Hände auf den Rücken legten, als wären sie gefesselt. Eine abschließende und unabhängige Aufklärung der Vorgänge in Butscha steht nicht zu erwarten.

Das Singen des falschen "Bella Ciao" war also nur eine Episode einer größeren Aktion, die unbemerkt geblieben wäre, wenn der Auftritt der jungen Dame nicht zwei Tage später von russischen Telegram-Kanälen entdeckt worden wäre. Jetzt wird er auch in den deutschen sozialen Medien aktiv geteilt.

Und ja, der Auftritt hat es in sich – vor nun mal, sagen wir, sehr symbolbeladener Kulisse singt ein in die ukrainische Fahne gehülltes Mädchen, das dazu aufruft, dass Vertreter einer anderen Nation zum Zweck des Weltfriedens einfach mal eliminiert werden müssen. Dabei wird eifrig mitgesungen und zustimmend geklatscht. Haben wir Ähnliches vor ca. 80 Jahren ungefähr am gleichen Ort nicht schon mal gehört?

Nein, es ist wohl nicht so gemeint, und wenn doch, dann sind nicht alle gemeint, sondern nur einige. Das Argument höre ich jetzt schon. Und was haben die Russen erwartet, nachdem sie die Ukraine angegriffen hatten? Diese Melodie aus einem antifaschistischen Kontext wurde nicht zufällig ausgewählt. Denn  laut der ukrainischen Sängerin und Autorin des Textes, Christina Solowij, sind heutzutage die Russen zu Nazis geworden, und die Ukrainer sind jene freiheitsliebenden Partisanen, die nun das Lied übernehmen dürften:

"In den ukrainischen Originaltexten wird anstelle von 'Russen' das Wort 'Russnjaki' (укр. русня, tr. rusnja) verwendet. 'Russnjaki' ist ukrainischer Slang für aggressive, fremdenfeindliche Russen, die von der Kreml-Propaganda des imperialen russischen Nazismus beeinflusst sind."

Solowij veröffentlichte ihre akustische "Bella Ciao"-Interpretation unter dem Titel "Ukrainische Wut" erstmals am 6. März auf ihrem Instagram-Account. Am 7. März veröffentlichte sie das Lied mit einer deutschen Übersetzung auf ihrem YouTube-Kanal. Mit 2,5 Millionen Aufrufen wurde das Lied zum Hit und ist inzwischen auch im Online-Handel erhältlich.

Das Lied strotzt vor Tod und Blut. Die ukrainische Wut lässt "verdammte Schlächter" in ihrem Blut baden, während Javeline und Bayraktare die "Russenschweine" töten. Inzwischen wurde das Lied auf anderen Kanälen unzählige Male von Ukrainern nachgesungen. Sowohl Instagram als auch YouTube und andere Internet-Dienste sahen im Inhalt des Liedes keine Verletzung der Nutzungsbedingungen.

Nichts verfälscht das Original mehr als diese Fixierung auf Mord. Im italienischen Lied ist die Rede vom aufopferungsvollen Tod eines Partisanen, der "Feind" wird nur kurz erwähnt, von jedweder Tötungsabsicht ist da gar nicht die Rede. Kein Blut, keine "Schweine", keine Welt ohne Deutsche. Aber das stört niemanden, das Lied wird in Kommentaren bejubelt, es findet ein Fest des Hasses statt. Nun hat es auch Berlin erreicht.

Dabei wird das Blutrünstige durch einen Trick "retuschiert". Die Wut ist heilig, weil sie an das Sowjeterbe der Erinnerung an den Großen Vaterländischen Krieg angelehnt ist: Der Anfang des Textes "An einem Morgen bei Tagesanbruch die Erde zitterte" erinnert an das berühmte Sowjetlied der Sängerin Klaudia Schulzhenko "Blaues Tüchlein", das mit den Worten anfängt: "Am 22. Juni, genau um 4 Uhr wurde Kiew bombardiert". Damit spielt die Autorin in ihrem Lied klar auf den heimtückischen Angriff Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion im Juni 1941 an, infolgedessen 27 Millionen Menschen gestorben sind.

Das aus dem ukrainischen öffentlichen Bewusstsein komplett ausradierte Sowjeterbe darf jetzt in der Kiewer PR-Strategie ausnahmsweise und nur in diesem Aspekt reaktiviert werden – gegen die russischen Nachkommen der Waffenbrüder von damals, als alle Republiken der Sowjetunion geschlossen gegen die Invasoren gekämpft hatten. Merkwürdig in einem Land, dessen Städte nun mal seit Jahren die Namen der berüchtigtsten Nazikollaborateure aus den Reihen der ukrainischen Nationalisten schmücken.

Die Szene, die sich vor Kurzem in einem Dorf vermutlich in der noch ukrainisch besetzten Donbass-Region abspielte, wurde zum Sinnbild und Symbol des Ukraine-Konflikts: Eine greise, zerbrechliche Dame, wohl denkend, dass in ihrem Dorf russische Soldaten auftauchten, begrüßte die Menschen in Militäruniform mit einer roten Siegesfahne. Ein ukrainischer Soldat rief ihr verachtend entgegen: "Ruhm der Ukraine", nahm ihr die Fahne ab und trampelte darauf herum. Gleichzeitig bot er der alten Dame eine Tüte Lebensmittel an. Sie verweigerte die Hilfe und rügte den Soldaten:

"Dies ist die Fahne, mit der meine Eltern gekämpft haben, und Sie treten sie mit Füßen."

Der Vorfall wurde in Russland in kürzester Zeit zu einem Meme: 

Die alte Dame würdigte jene Fahne, die von den siegreichen Soldaten der Roten Armee auf dem Reichstagsgebäude gehisst worden war. Nun wird das Tragen dieser Fahne auch in einigen deutschen Bundesländern schon verboten, während die Mauern des Reichstages wieder Zeugen eines Mordaufrufs gegen eine ganze Nation werden.

Aber nicht nur wegen des völlig verfälschten Bezuges auf den Großen Vaterländischen Krieg ist das Cover des legendären Partisanenliedes zutiefst missbräuchlich. Dessen Urheber übersehen geflissentlich, dass der Krieg, den sie verurteilen, nicht eines Morgens in Februar dieses Jahres begann, sondern vor acht Jahren, als die nationalistische Putschisten infolge einer Reihe False-Flag-Attacken demokratisch gewählte Regierung in Kiew stürzten und wenige Wochen später Truppen in die dagegen rebellierenden Regionen entsendeten. Sie übersehen auch, dass ihre Regierung über alle diese Jahre hinweg bereit war, für den Beitritt zur NATO einen großen Krieg mit Russland zu riskieren.

Und wogegen rebellierten die Krim, der Donbass und andere Regionen im Osten des Landes, die allerdings von den neuen Machthabern mit Gewalt unterdrückt wurden? Auch und vor allem gegen Aufrufe zum Mord in Form zahlreicher faschistischer, russophober und offen rassistischer Parolen, die seit Beginn der "proeuropäischen" Maidan-Revolution im November 2013 in der Ukraine fest zum öffentlichen Raum gehören. Nun erreichten die Parolen ukrainischer Nationalisten, die ständig von Untergang und Zerstörung Russlands fabulieren, die deutsche Hauptstadt. Die Hauptstadt jenes Landes, dessen Außenministerin Russland mit Sanktionen und Waffenlieferungen an die Ukraine "ruinieren" will. Nun kommt zusammen, was zusammengehört.

Mehr zum Thema - Nahm die Ukraine einen "großen Krieg" mit Russland als Preis für den NATO-Beitritt in Kauf?

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