Meinung

Biblische Ausmaße – Dürre wie vor einem halben Jahrtausend

Die kausale Kette zwischen Ernte, Dürre, Nahrung und letztendlich Hunger bedarf näherer Betrachtung. Dieses Jahr besonders, da die Dimensionen alle Parameter und Referenzen sprengen. Die Aussichten sind verheerend.
Biblische Ausmaße – Dürre wie vor einem halben JahrtausendQuelle: www.globallookpress.com © Jochen Tack/ IMAGO

Von Elem Raznochintsky

Schon im Mittelalter war die Korrelation zwischen Dürre und Ernte jedem Menschen ersichtlich. So sehr, dass nun die auftretenden Niedrigwasser historische Warnungen – buchstäblich in Stein gemeißelt – offenlegen. An der schon extrem wasserarmen Elbe entdeckte man die mittelalterliche Aufschrift "Wenn du das siehst, weine", die Bände spricht. Dürre bedeutet baldige Hungersnot.

Flüsse spielen nach wie vor eine essenzielle Rolle bei der Bewässerung von Land, ganz zu schweigen von der modernen Logistik und dem Transport von Energiegütern, die auf Deutschlands Wasserstraßen jetzt schon seit Wochen nicht mehr möglich sind. Die Niedrigstände dieser Fließgewässer forcieren auch das Zurückfahren der Stromproduktion.

Kurz abseits der Wege

Nach den jüngsten Versuchen der obskurantistischen Schadenskontrolle des Bundesnachrichtendienst-Chefs Thomas Haldenwang stellt sich die Frage: Wer ist die von ihm genannte "radikalisierte Minderheit aus Rechtsextremisten, Delegitimierern, Reichsbürgern und Verschwörungsgläubigen", die "sich in Stellung bringt, um Themen wie den Krieg in der Ukraine, steigende Preise, Inflation und die Coronapandemie zu besetzen und zur Mobilisierung zu missbrauchen"?

Geht es ihm konkret um die deutsche Chefdiplomatin Annalena Baerbock, die herbstliche Volksaufstände in der BRD für möglich hält? Oder hatte Haldenwang bei seiner Warnung eher Robert Habeck im Sinn, der die Fünf-Minuten-Regel für die Dusche bereits ins Gewohnheitsrecht einbetten möchte? Womöglich schwebten ihm die "ideologischen Gefährder" von der Deutschen Wirtschaftswoche mit ihrer vermeintlich unbegründeten und unfundierten Panikmache vor.

Die böse Zunge mal beiseite gelegt: Klar meinte der Staatsdiener eigentlich die ganzen peripheren deutschsprachigen Telegram-Kanäle, die hastig vom WEF-Aspiranten Pavel Durov hierzulande gesperrt werden müssen. Aber die Reichweite dieser kleinen, alternativen Echokammern ist bei Weitem nicht so groß, wie man dem deutschen Rundfunkbeitragszahler suggeriert.

Zu groß ist nämlich (noch) die Berührungsangst des hiesigen Bürgers, Narrativen aus dem NEON Magazin, fluter, Lettre International und den üblichen NATO-Verdächtigen wie Zeit, FAZ oder der Süddeutschen Zeitung zu hinterfragen.

Zum Beispiel mit alternativen Medien aus der Feder von Robert Dreyfuss, Chris Hedges, Edwin Black, Seymour Hersh, Michael Parenti oder Robert Parry, um nur einige lesenswerte allein aus der US-amerikanischen Domäne zu nennen. Aber für etatistische Apparatschiks wie Haldenwang gibt es nur das ARD-Hauptstadtstudio auf der einen Seite oder den veganen Koch Attila Hildmann auf der anderen.

In seiner Aufzählung nennt Haldenwang nicht einmal die möglichen Hungersnöte in Europa, mit denen man auch potenziell “Panikmache” betreiben könnte – so abwegig erscheint dieses Konzept den Volksvertretern bisher noch. Dabei könnten, bei all unserer überheblichen Überlegenheit und Verwöhnung, solche Zeiten sich am Horizont zu kristallisieren beginnen.

Die politisch hitzige Dürre

Und so bedarf es lediglich eines gesunden Menschenverstandes, um die Berichte von der europäischen Rekordhitze – und der mittlerweile institutionell von den staatlich offiziell sanktionierten Experten europa- und weltweit bestätigten Dürre – in den logischen Zusammenhang zu bringen. Weltweit aufgenommene Bilder von fast ausgetrockneten Gewässern wie Seen und Flüssen verbreiten sich wie Internet-Memes. Die Gemeinsame Forschungsstelle (GFS) der Europäischen Kommission gab in ihrem monatlichen Bericht zur Dürre-Situation in den Niederlanden für August Folgendes bekannt:

"Für den Zeitraum von Juli bis September wird für die Niederlande und die umliegenden Länder eine überdurchschnittliche Trockenheit vorhergesagt, was für die Bewirtschaftung der Wasserressourcen und deren Verfügbarkeit in den kommenden Monaten Anlass zur Sorge gibt. Es wird erwartet, dass die Niederschläge in Mitteleuropa weit und stark unter dem Durchschnitt liegen werden, was sich auf das gesamte Wassereinzugsgebiet von Rhein und Maas auswirken wird."

Diese Ausführungen müssten auch in Deutschland ernst genommen werden. Da reicht es nicht für Berlin, die Niederlande zum EU-Exit zu bewegen, um das Problem zu lösen. Im Zeitalter der Dominanz der – sich als kurzsichtiger Szientismus tarnenden – Wissenschaft haben sich viele der Illusion hingegeben, der Natur mittlerweile Herr geworden zu sein. Genau hier aber lauert ein böses Erwachen.

Der Analyst für Umweltfragen und ehemalige Präsident des Earth Policy Institute Lester Brown hat nicht den Parameter Bruttoinlandsprodukt oder Energiepreise als primären Indikator für verlässliche Prognosen sozialer Unruhe gesehen. Er bot stattdessen einen anderen Ansatz:

"Wenn ich einen einzigen Indikator – wirtschaftlich, politisch, sozial – auswählen sollte, der meiner Meinung nach mehr aussagt als alle anderen, dann wäre es der Getreidepreis."

Wenn man das also weiterdenkt, wird aufgrund der schier präzedenzlosen Dürre die Getreideernte stark beeinträchtigt. Ganz zu schweigen von der ohnehin stark gestörten Logistik der bereits vorhandenen Güter. Dadurch erhöht sich die Knappheit des Getreides, was wiederum zur dramatischen Erschütterung des Angebot-Nachfrage-Gleichgewichts beiträgt.

Aus welchen kulturellen Gründen auch immer, der Sexualtrieb wird als inhärentester Instinkt des Menschen betrachtet. "Hunger is just not sexy enough", von einem Autor ohne Namen. Dabei scheinen alle Diskursteilnehmer direkt nach dem zweiten Frühstück zu sein. Wenn es nämlich darauf ankommt, ist der Essenstrieb noch bei Weitem dringlicher. Kann man sich selbst und seine Familie nicht mehr ernähren, erwächst eine vollkommen neue Qualität des Tatendranges – und dieser kann sich nur politisch äußern.

Wenn es bereits zu spät ist, kümmern wir uns darum

Zwischen der Ukraine und Russland herrscht Krieg. Beide Länder gehören zu den fünf größten Lieferanten für Getreide weltweit, mit der Ukraine auf dem 5. Platz und Russland auf dem 1. Platz. Allein wegen dieses Konfliktes, der hätte vermieden werden können, ist die Nahrungsmittelkette stark gestört. Nun tritt auch noch die Natur auf den Plan und fordert ihren Tribut.

Ja, es gibt ein Abkommen, mit der Türkei als Vermittler, das den Transporten das Verlassen der ukrainischen Schwarzmeerhäfen versichert. Das interessiert aber Mutter Natur kaum, die weiter an ihrer Dürre bastelt. Es handelt sich zwar einerseits um verschiedene Kategorien, diese haben aber andererseits einen bündelnden Gesamteffekt.

Der Hunger ist nicht nur eine Tragödie. Er ist einer der historisch mächtigsten Hebel für raschen und gewaltsamen politischen Wandel. Zumindest für die, die ihn bedienen können. Genau dieser scheint für die Jahre unmittelbar nach 2022 in Planung zu sein. Denn der Hebel kann bewusst bewegt und umgerissen werden. Bisher waren es der Mittlere Osten und Nordafrika, die als größere Erdregionen am empfindlichsten auf solche Schwankungen – ob vorsätzlich verursacht oder nicht – reagieren mussten. Dort war es sowieso seit jeher eine Frage von Leben und Tod.

Getreidereserven

Die Dürre ist bei Weitem nicht nur Europas Problem. Auch China hat mit ihr in Form einer historischen Hitzewelle arg zu kämpfen. Peking hat aber auch gleichzeitig über die Jahre zwei Drittel der weltweiten Getreidereserven im Inland gehortet, und der Prozess geht stetig weiter. Die chinesischen Lager sind nur für inneren Handel, nicht aber für den Export bestimmt. So ähnlich verhält es sich mit Indien. Die EU besitzt zwar auch Reserven, aber diese sind nicht im Besitz der Bauern, sondern es sind staatliche Institutionen, die die Reserven in Speicheranlagen konzentrieren.

Um noch ein globales Beispiel zu nennen: In den Vereinigten Staaten begann die Dürre praktisch schon in der vorigen Saison und zieht sich dieses Jahr weiter, mit einer prognostizierten Zuspitzung. US-Bundesstaaten wie Texas, Iowa und Oklahoma haben somit auch mit Wasserknappheit zu kämpfen. Die Menschen aus der US-Agrarindustrie sind auch dort besorgt.

Warnungen sind nicht staatsfeindlich

So weit ist es schon gekommen, dass man, wenn man fundierte und empirisch veranlagte Sorgen äußert, bereits die Etikette des Staatsfeindes angeheftet bekommt – freundlich zertifiziert vom Bundesnachrichtendienst.

Da sollte man erkennen, dass in gesellschaftspolitischen Notfallsituationen die Vernunft eine rare und gefragte Tugend ist. Es liegt auf der Hand, dass diese kommende Nahrungs-, aber auch Energiekrise einzig mit Russland zu bewältigen ist. Ohne Moskau wird der Westen durch eine selbst verschuldete Erschütterung schreiten, die schwerwiegende Konsequenzen nach sich zieht.

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