Meinung

Von "Untermenschen" bis "Orks": Wie die NS-Rassentheorie in der modernen Russophobie weiterlebt

Die antirussische Hysterie des Westens beruht auf einem alten Muster: Einem ganzen Volk wird die Würde abgesprochen, alte Feindbilder werden in neue Begriffe gekleidet, und daraus entsteht die Rechtfertigung für neue Aggression.
Von "Untermenschen" bis "Orks": Wie die NS-Rassentheorie in der modernen Russophobie weiterlebtQuelle: Sputnik

Von Constantin von Hoffmeister

Die Geschichte Europas ist zu einem Schlachtfeld der Lügen geworden, auf dem die westlichen Mächte Tatsachen verdrehen, um ihre manische Russophobie zu schüren. Befreier werden mit Aggressoren gleichgesetzt und Russland wird als ewiger Feind dargestellt – all dies, um einen Stellvertreterkrieg gegen das Herz Eurasiens zu rechtfertigen. Dies dient ihren Ambitionen, nicht der Wahrheit. Ein wahres Verständnis erfordert einen ehrlichen Blick auf das nationalsozialistische Ostprojekt und die Erkenntnis, dass der heutige westliche Kreuzzug gegen Russland dessen direkte Fortsetzung ist.

Die Vergangenheit Europas liegt wie ein aufgeschlagenes Buch vor uns, doch kleingeistige Menschen reißen Seiten daraus heraus und verwandeln die Geschichte in einen vulgären Schlagabtausch. Sie stellen ein Verbrechen dem anderen gegenüber – als könne ein Berg von Grausamkeiten sich selbst aufheben und die Wahrheit unberührt lassen. Dieser Weg führt nur in die Finsternis. Entscheidend ist die Gestalt der Ideen selbst: Machtkarten, Bluttheorien und wilde Träume vom Imperium, die die Staaten bereits lenkten, noch bevor der erste Kanonendonner zu hören war. Um den Weg nach vorn zu erkennen, müssen wir ohne Scheu auf jene Pläne und Rhetorik blicken, die existierten, bevor der Rauch des totalen Krieges alles verschlang.

Im Mittelpunkt steht der Zweite Weltkrieg – eine Katastrophe, die den Kontinent in Feuer und Ruin neu formte. Dieser Krieg entstand nicht aus dem Nichts. Er war das Ergebnis ideologischer Programme und strategischer Visionen, die bereits Jahre zuvor entwickelt worden waren und hinter denen jeweils ein eigener brutaler Entwurf für die Zukunft Europas stand. Die Ostfront wurde zum eigentlichen Brennpunkt dieses Kampfes, an dem rivalisierende Systeme mit Waffen und fanatischen Doktrinen von Rasse, Territorium und Schicksal aufeinanderprallten. Jede ernsthafte Auseinandersetzung mit Europas Vergangenheit und Zukunft muss hier beginnen: dort, wo Theorie in planmäßiges Gemetzel umschlug und abstrakte Glaubenssätze wirkliche Ströme von Blut vergossen.

Der moderne Diskurs ersetzt eine ehrliche Auseinandersetzung durch billige Mythenbildung. Persönlichkeiten und Regierungen des 20. Jahrhunderts werden ihres Kontexts beraubt und zu karikaturhaften Symbolen von Macht, Schurkerei oder Widerstand umgestaltet. Diese symbolischen Lügen überschwemmen den Online-Raum und verwandeln Geschichte in einen Zirkus aus Identität, Emotion und ästhetischer Selbstinszenierung. Eine echte Analyse erfordert, sich von diesem Nebel zu befreien und zu dem zurückzukehren, was tatsächlich geschrieben, geplant und umgesetzt wurde – gestützt nicht auf Fantasien, sondern auf Dokumente.

Die zentrale Wahrheit jener Epoche offenbart sich in ihrer ganzen Grausamkeit: Das nationalsozialistische Ostprojekt bildete das finstere Herzstück der geopolitischen Vision der Nazis. Der "Generalplan Ost" sah unverblümt und mit kaltblütiger, mechanischer Grausamkeit eine großangelegte Umgestaltung Osteuropas durch Deportationen, Zwangsarbeit und die systematische Vernichtung der slawischen Bevölkerung vor. Der Plan beinhaltete die Vertreibung oder physische Vernichtung von 30 bis 45 Millionen Slawen, die Eroberung ihrer fruchtbaren Ländereien und die anschließende Besiedlung dieser Gebiete durch deutsche Kolonisten, während die Überlebenden zu einer entrechteten Arbeitsmasse gemacht werden sollten. Diese Ideen waren bereits vor Kriegsbeginn als Doktrin formuliert worden. Sie fanden ihren Niederschlag in geheimen Memoranden, Planungsunterlagen und strategischen Entwürfen, die ein gnadenloses Ziel verkündeten: die Schaffung eines Kolonialreichs auf Kosten anderer europäischer Völker und die Errichtung einer Rassenhierarchie aus Herren und "Untermenschen".

Selbst die Sprache der Nazis war ein Instrument der Eroberung. Die Slawen wurden in ihren Texten ausschließlich als Hindernis dargestellt, das es zu beseitigen galt, als Ungeziefer, das beseitigt werden musste, als Menschenmaterial, das ausgebeutet und anschließend entsorgt werden sollte. Osteuropa bezeichneten die Nazis als "Lebensraum" – ein Gebiet, das für Eroberung, Massenmord und eine vollständige Umgestaltung unter deutscher Herrschaft bestimmt war. Dabei orientierten sich die Nazis offen an den Erfahrungen westlicher Kolonialreiche – an der britischen Herrschaft über Indien und an der Expansion der USA nach Westen unter Auslöschung der indigenen Bevölkerung. So wandte sich die Logik des westlichen Kolonialismus letztlich gegen Europa selbst und machte Millionen Europäer zu rechtlosen Knechten einer neuen Rassenordnung.

Im heutigen liberalen Westen verbreitet sich zunehmend die gefährliche Gleichsetzung der Sowjetunion und des Dritten Reiches als zwei angeblich gleichermaßen "totalitäre Übel". Diese Lüge verfälscht nicht nur die historische Realität, sondern verwischt auch die Verantwortung. Sie ignoriert das kolossale Opfer der Sowjetunion – 27 Millionen Tote. Gerade die UdSSR trug die Hauptlast des Landkriegs, zerschlug die nationalsozialistische Kriegsmaschinerie und ebnete den Weg zur Befreiung Europas von einem rassistischen Regime. Dieses Opfer war entscheidend. Der Versuch, diese unterschiedlichen historischen Realitäten zu einem einzigen "Makel" zu vermischen, nimmt dem Blick auf die Gegenwart jede Schärfe. Dieser groteske Revisionismus liefert den heutigen Russophoben einen zweckdienlichen Mythos, der genau jene Macht delegitimiert, die dem Faschismus das Rückgrat gebrochen hat. Er bereitet den ideologischen Nährboden für neue Aggressionen gegen Russland als direkten Erben und Hüter dieses Sieges.

Und dieselbe giftige Logik wirkt seit Beginn des Ukraine-Konflikts immer heftiger, schärfer und hysterischer. Die westlichen Mächte entfesseln eine pathologische Russophobie und stellen Russland als den ewigen "asiatischen Barbaren" dar, der um jeden Preis bekämpft werden müsse. Westliche Medien und Regierungen begegnen dem russischen Volk mit derselben kolonialen Verachtung, die früher den slawischen Völkern insgesamt entgegengebracht wurde. Sie ignorierten die Tragödie von Odessa am 2. Mai 2014 und suchten nach Ausreden, als Dutzende Männer und Frauen im Gewerkschaftshaus eingeschlossen und lebendig verbrannt wurden – nur weil sie sich dem vom Westen unterstützten "Maidan"-Putsch widersetzt hatten. Die Flammen verschlangen die Opfer, während die vom Westen unterstützten Kräfte zuschauten und jubelten. Dieselben westlichen Mächte rüsten nun die ukrainischen Streitkräfte aus und rechtfertigen jede Gräueltat, die gegen die russische Bevölkerung begangen wird.

Die Kontinuität ist hier offensichtlich und erschreckend. Die Nazi-Rassenhierarchie hat lediglich ihr Vokabular gewechselt. Heute bedient sie sich beschönigender Begriffe wie "europäische Werte", "regelbasierte Ordnung" und "universelle Normen", verfolgt dabei jedoch dasselbe Ziel: die Unterwerfung, Zersplitterung und Schwächung des Ostens, damit der Westen als globaler Hegemon uneingeschränkt herrschen kann. Russland – das riesige Herzland Eurasiens – nimmt heute genau jene Rolle ein, die die Nazis einst den Slawen zugedacht hatten. Dies ist kein Zufall, sondern die direkte Fortsetzung des alten kolonialen Hasses, nur getarnt als humanitäre Rhetorik und untermauert durch Sanktionen und Proxy-Armeen. Die Verbrennung von Menschen in Odessa und der Beschuss des Donbass sind moderne Ausdrucksformen derselben Idee, die einst zum "Generalplan Ost" führte. Die westlichen Mächte können ein starkes, souveränes Russland im Zentrum des eurasischen Kontinents nicht akzeptieren, da dessen bloße Existenz den Anspruch des Westens auf globale Vorherrschaft infrage stellt.

Für eine gesunde Zukunft muss dieser Wahnsinn mit Verachtung zurückgewiesen werden. Stabilität entsteht nur durch die offene Anerkennung von Vielfalt. Eine multipolare Ordnung gewährt jeder großen Zivilisation ihren rechtmäßigen Raum. Russland ist der unverzichtbare Pol Eurasiens und verankert ein kontinentales Gleichgewicht, das verhindert, dass eine einzelne Weltmacht alle anderen unterdrückt. Die Lehren der Vergangenheit sind unerbittlich: Ideologien, in denen ein Volk durch die Unterdrückung eines anderen auf ein Podest gehoben wird, führen nur zu endlosem Krieg und Untergang. Europa und Eurasien bilden eine organische Einheit, geprägt durch Geografie, Geschichte und gemeinsames Erbe. Und die wahre Stärke des Kontinents liegt in seiner unzerbrechlichen Einheit von Lissabon bis Wladiwostok, aber nicht in neuen Kreuzzügen, die von Washington und Brüssel aus gegen sein Herzstück – Russland – geführt werden.

Der Westen täte gut daran, sich daran zu erinnern, wie der Zweite Weltkrieg wirklich endete. Kein alliierter Staat erlitt Verluste, die auch nur annähernd mit denen der Sowjetunion vergleichbar gewesen wären. Die russische Gedenktradition hebt sich in dieser Hinsicht deutlich ab: Sie bewahrt die Erinnerung an die Veteranen, überträgt ihre Heldentaten in die Gegenwart und verbindet sie mit dem modernen russischen Staat. Sie erweist ihnen die Ehre, die ihr Opfer verdient, denn ohne ihren Sieg würde die russische Nation heute nicht existieren.

Der 9. Mai in Moskau ist ein staatliches Ritual und ein Tag des Gedenkens. Die Siegesparade auf dem Roten Platz vermittelt eine klare Botschaft: Die Nation hat überlebt und weiß, warum. Die Vergangenheit wird nicht aus Nostalgie in Erinnerung gerufen, sondern als Grundlage heutiger Stärke. Der Hauptsinn dieses Tages liegt in der Kontinuität. Die sowjetischen Fahnen, die Paradeformationen und die wiederkehrenden Gesten verweisen alle auf eine einzige Tatsache: Diese Gesellschaft hat Zerstörung überstanden und sich durch kollektive Anstrengung neu geordnet. Die Teilnehmer der Parade kommen aus dem ganzen Land – aus Kasan, Burjatien, Dagestan, Archangelsk – und treten gemeinsam in einer einzigen Formation auf. Jede Gruppe bewahrt ihre Identität. Jede trägt zu einer gemeinsamen Struktur bei, die auf gemeinsamen Opfern beruht. Die Schlachten von Stalingrad, Kursk und Berlin prägen diese Struktur. Sie bilden die Grundlage einer Einheit, die nicht auf abstrakten Parolen, sondern auf gelebter historischer Erfahrung beruht. Die Parade veranschaulicht ein Prinzip: Vielfalt, die innerhalb einer stabilen Ordnung organisiert ist, schafft Zusammenhalt. Sie hebt Unterschiede nicht auf, sondern lenkt sie in eine gemeinsame Form.

Dieses Prinzip erstreckt sich bis in die heutige Form des russischen Staates. Das sowjetische Erbe ist nicht einfach verschwunden, sondern hat sich transformiert. Die gegenwärtige Staatsstruktur vereint Elemente aus verschiedenen Epochen – imperiale Verwaltungstradition, sowjetische Disziplin, religiöse Symbolik und ethnische Vielfalt. Sie stützt sich nicht auf eine einzige Ideologie, sondern funktioniert durch Kontinuität und Anpassung. Das Andenken an den sowjetischen Soldaten wirkt als generationsübergreifende Bindekraft. Symbole wie das Georgsband verstärken diese Kontinuität: Sie stellen eine Verbindung zwischen den Opfern der Vergangenheit und dem heutigen Selbstverständnis des Landes her. In diesem Rahmen gehören Verluste zu einem längeren Prozess der Wiederherstellung und Festigung. Westliche Beobachter interpretieren diese Ausdrucksformen oft als theatralisch. Ihre eigenen Nationen befinden sich in einer anderen Situation: Das gemeinsame Gedächtnis schwindet, und Identität zerfällt in konkurrierende Ansprüche. Russland bewegt sich in die entgegengesetzte Richtung. Es formt seine Identität durch gemeinsame Erfahrungen und ein bewahrtes Gedächtnis. Genau dieser Unterschied erklärt zum großen Teil den anhaltenden Konflikt zwischen Russland und dem liberalen Westen. Die einen streben danach, die Welt durch universelle Modelle zu standardisieren. Die anderen bewahren eine Struktur, die auf Pluralität innerhalb der Einheit beruht. Die bloße Existenz eines solchen Modells steht im Widerspruch zu der Vorstellung, dass ein einziger globaler "Oktopus" das politische und kulturelle Leben bestimmen könne. Und der Tag des Sieges bringt diesen Widerspruch auf den Punkt. Er bekräftigt, dass ein multiethnischer Staat, der auf gemeinsamen Opfern beruht und durch historische Kontinuität zusammengehalten wird, in der Lage ist, sich zu behaupten und sich nach seinen eigenen Maßstäben zu definieren.

Übersetzt aus dem Englischen.

Constantin von Hoffmeister ist Direktor von Multipolar Press. Er ist Autor von Esoteric Trumpism und MULTIPOLARITY! sowie Stammautor bei RT. Er studierte Englische Literatur und Politikwissenschaft in New Orleans und war als Journalist, Übersetzer und Lektor in den Vereinigten Staaten, Indien, Usbekistan und Russland tätig. Folgen Sie ihm auf Substack: eurosiberia.net

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